Literaturtipps 2015

Adler, Armin (2015). Sport, Gesundheit, Erziehung im Zeitalter des Barock. Hamburg: Kovac, 230 S. - erscheint ca. am 1. Juli 2015;

 

Die Studie stellt sportliche Aktivitäten, stellt Sportgeschichte in den Kontext der Geschichtsschreibung des Barock und sucht bisher ungenutzte Quellen und Literatur zu erschließen. Interdisziplinär kommt Historiographie der Alltagsrealität etwas näher und lernt von der Kunstgeschichte z.B. den Begriff der „architectura recreationis“. Schlösser und Gärten der Barockzeit waren nach der Absicht der Bauherren auf Bewegung, Unterhaltung, Kurzweil und Spiel zur Gesundheit angelegt, soweit es die Kriege zuließen. Das adelige Privileg der Hauptsportart Jagd z.B. geriet als „praeludium belli“ unter die Anforderung ständiger Kriege. Reiten, Tanzen, Fechten, Voltigieren, Schießen, Jagen dienten an den Erziehungsinstitutionen der Zeit – Ritterakademien – der Repräsentationsfähigkeit der „leisure class“ und ihrer Wehrertüchtigung. Unterprivilegierte, zurückgesetzte Bauern und Bürger wehrten sich gegen Auswüchse und Unrechtsfolgen der Adelsvorrechte. Prälaten, Kirchenmänner gehörten dem Adel an, partizipierten an seinen Privilegien, waren z.B. große Jäger, ben für ihre Untertanen liturgische Räume festlicher Erbauung und Wallfahrtskirchen, die ihren nicht selten erbärmlichen Alltag zu ertragen halfen. Bei Kirchweih, Feiern und Kirchenfesten – regional mehr als heute Urlaubstage im Jahr – ließen sich Bürger und Bauern ihre Lebensfreude bei Tanz und sportlicher Kurzweil nicht nehmen. Prediger bestärkten sie darin, begleiteten ihren Alltag und warnten vor Übertreibungen. Der Kirchenschriftsteller Tertullian erfuhr in diesem Zusammenhang bis heute eine undifferenzierte Auslegung. Ärzte, Dichter, Denker (Anm.: untersuchten/durchsuchten) den Zusammenhang von Bewegung, Sport und Gesundheit, empfahlen der sitzenden Lebensweise von Studenten und Gelehrten das gesunde Landleben mit Arbeit bzw. Reiten, Tanzen, körperlichen Übungen im Freien, begrüßten die Öffnung der Adelsgärten und forderten eine Gesundheitserziehung mit Bewegung und Sport für alle. Aufklärung begann unter den Bedingungen des Barockzeitalters, um national recht unterschiedlich zu verlaufen.

Herzog, Markwart; Brändle, Fabian; Herzog, Markwart; Heudecker, Sylvia (2015, Hrsg.).  Europäischer Fußball im Zweiten Weltkrieg. Stuttgart : Kohlhammer, 340 S. : ca. 40 Abb.

 

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, änderten sich auch für den Sport die Rahmenbedingungen, teilweise dramatisch. Die offizielle Propaganda verstand Fußball nicht länger als zweckfreies Spiel, sondern als Instrument politischer und militärischer Absichten. Wegen der Unberechenbarkeit eines Spielverlaufs war Fußball dafür aber nur bedingt geeignet. Zugleich schuf dieser Sport politisch neutrale Freiräume für spannende Unterhaltung und eskapistische Zerstreuung. Schwerpunkte des Buches bilden die Situation in den von deutschen Truppen besetzten europäischen Staaten, im Großdeutschen Reich, in den verbündeten und neutralen Staaten und im britischen Einflussbereich, sowie die Rezeption des Themas in den Künsten.

Marschik, Matthias; Spitaler, Georg (2015). Leo Schidrowitz. Autor und Verleger, Sexualforscher und Sportfunktionär. Berlin: Hentrich und Hentrich Verlag, 80 S.

Leo Schidrowitz (1894–1956) ist ein Multitalent: Er verfasst Bücher und Essays kultur- und kunstkritischen Inhalts und etabliert sich als einer der umtriebigsten Verleger der ersten österreichischen Republik, der Texte von Victor Hugo ebenso bearbeitet, wie er die Romane Hugo Bettauers verlegt. Ab dem Ende der 1920er Jahre wendet er sich der Sexualforschung zu, publiziert eine Sittengeschichte der Kulturwelt und ein Bildlexikon der Erotik. Zugleich betätigt er sich als Fußballfunktionär beim SK Rapid in Wien. Als Jude und „Pornograph“ doppelt gefährdet, muss er elf Jahre im brasilianischen Exil verbringen. Nach seiner Remigration wird er „Propagandareferent“ des Österreichischen Fußballbunds. Schidrowitz kann sowohl als Repräsentant eines assimilationswilligen jüdischen Bürgertums als auch als Vorläufer einer alltagsorientierten Kulturwissenschaft angesehen werden.